Mauerbau

1989 jubelten und weinten wir vor Freude, endlich durften sich Menschen von Ost und West begegnen. Nie mehr sollte Ähnliches passieren. Wir glaubten verhindern zu können, dass Menschen getrennt oder entzweit werden. Und jetzt ist es ein Virus, das Familien, Staaten, uns Menschen trennt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass im freien Europa wieder Grenzen geschlossen werden würden. Es sind keine realen steinernen Mauern, die zur Zeit entstehen und errichtet werden, es sind Mauern des Schutzes, aber auch Mauern der Angst.
Die Regierung setzt wegen Seuchengefahr das Militär im Staatsinneren ein und zwingt die Menschen zur Immobilität, Versammlungen jeder Art sind unmöglich. Die Grenzen zwischen den Menschen werden spürbarer. Kein Händedruck, keine Umarmung. Selbst Kirchen können Menschen keine Zuflucht, keine Möglichkeit der Versammlung mehr bieten.
Ist das jetzt das Ende des Zusammenlebens, das wir bisher kannten? Wird es uns gelingen, das Leben durch und nach der Coronakrise zu verbessern?
Zum ersten Mal spüre ich ganz persönlich, wie sich Menschen früher im Krieg gefühlt haben müssen, als ihre Lieben bedroht waren, als Kontakte verboten oder unerwünscht waren und die eigene Meinung hinter einer Kollektivmeinung zurückstehen musste. Als ich meiner 91-jährigen Mutter zum letzten Mal zuwinken durfte, bevor sie ganz hinter den Mauern des Seniorenheimes verschwand, spürte ich, wie sich Menschen beim Mauerbau gefühlt haben durften. Werden wir uns wiedersehn?
Die momentane Entwicklung betrifft mich ganz persönlich, nicht nur wegen meiner Mutter. Ich kann auch nicht mit meiner Tochter, mit meinem Enkel und deren Familie Ostern feiern, weil sie im Ausland leben.
Es stimmt nachdenklich, dass trotz Technik und Wissenschaft die weltweiten Probleme nicht abnehmen, sondern sich eher verschlimmern und verdichten. Es ist jedoch gerade jetzt in dieser Krise wichtig, nach vorne zu schauen und das Positive und die Chancen zu sehen: die Umwelt wird sehr schnell und deutlich entlastet und kann sich erholen, eine flexiblere Arbeit und Beschulung ist möglich geworden.
Und wir müssen, dürfen und können unsere Gemeinschaft und Gesellschaft mit gestalten. Wir dürfen Zukunftsfragen stellen: Wie kann unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen? Gestalten wir aus Fürsorge unbemerkt eine weltweite Angstkultur? Gelingt es uns, aus Krisen zu lernen und respektvoller miteinander umzugehen? Gelingt es uns, eine gesunde, erfolgreiche und menschenwürdige Zukunft für uns alle zu gestalten?
Ich denke, wir können bei allem Krisenmodus ein waches Auge behalten, welche Wirkung und Nebenwirkungen diese Krise und deren Behandlungen hervorrufen.
In diesem Sinn, bleiben wir gesund und wachsam und hüten wir unsere Mitmenschlichkeit, unsere Freude und unsere Freiheit.
Eine freie und menschenwürdige neue Woche!
Gertrud Müller
Foto: Franziska Neufeld