sprachlos

Sprachlos

Verwirrt und sprachlos bleibt der Bürger derzeit zurück. Fallzahlen, schlechte Nachrichten, Verwirrung, Informationen und Fake-News, die nur schwer zu beurteilen sind. Deals und No Deals, Insolvenzen und Arbeitslosigkeit, chaotische Wahlen, …

Die Situation ist unübersichtlich geworden. Viele Menschen sind verunsichert, manche sogar verzweifelt. Es ist wichtig zu erkennen, dass es immer wieder Lichtblicke gibt. Auch frühere Generationen haben Seuchen, Freiheitseinschränkungen und wirtschaftliche Einbrüche erlebt und überlebt. Es ist wichtig, sich nicht aus der Balance bringen zu lassen. Und es ist wichtig, zu tun, was möglich ist, jeden Tag aufs Neue. Eines Tages ist die Krise vorbei, die Sonne scheint wieder und wir können sagen „es war einmal, …“

Und dann profitieren wir von all dem, was wir in diesen schwierigen Zeiten gelernt haben.

In diesem Sinne: gehen wir mutig und zuversichtlich durch diesen sonderbaren Herbst.

Gertrud Müller

Auf die Plätze, fertig, los

Auf die Plätze, fertig, los!

Der olympische Gedanke ist uralt. Die Idee, dass Personen sich sportlich betätigen und ihre Leistung messen, spornte viele dazu an, besser zu werden, höher zu springen, schneller zu laufen und weiter zu werfen. Dieser Konkurrenzkampf beflügelt die Menschheit seit Jahrtausenden. Die Zukunft erfordert vor allem eine Kooperation von allen Lebewesen, Personen oder Systeme, um unseren Planeten zu schützen und als Menschheit zu überleben. Lässt sich die alte Freude der Menschen, sich miteinander und aneinander zu messen mit dem Kooperationsgedanken und der Idee einer nachhaltigen, achtsamen Welt verbinden?

Olympia war damals für die Männer sehr wichtig, jeder der schneller laufen konnte, hatte einen Überlebensvorteil. Heute müssen die Menschen nicht mehr um Überlebensvorteile ringen, viele glauben sie brauchen nichts tun, der Staat wird’s schon richten. Vielen ist es noch nicht oder nicht mehr bewusst, dass jeder auch selbst verantwortlich ist, wenn wir als Menschheit überleben wollen.

Wenn Tausende Schüler unter dem Namen “Fridays for Future” auf die Straße gehen, werden sie teilweise belächelt. Viele Menschen glauben: ach so schlimm wird es nicht sein. Bei meinen Krebspatienten erlebe ich immer wieder, dass die Gesundheit kaum ein Thema war, bis die Krankheit diagnostiziert wurde. Erst dann erkannten die meisten: so kann ich nicht weiter machen, ich muss mich besser ernähren, ich möchte Gewicht reduzieren, ich darf nicht mehr so viel Süßes essen, ich darf nicht mehr rauchen, mir nicht mehr so viel Stress zumuten. Solange alles gut geht, denkt der Mensch kaum daran seine Gewohnheiten zu ändern und es ist auch nicht zwingend nötig. Warum sollte ein Helmuth Schmidt das Rauchen aufhören, wenn es ihm schmeckt und er über 90 Jahre gesund bleibt?

Wir müssen aber dann etwas ändern, wenn wir spüren: so geht’s nicht mehr weiter. Ich möchte niemanden wünschen, dass er spüren muss, dass sein Haus davon geschwemmt wird, dass die Getreide auf den Feldern verbrennen, dass keine Bäume mehr wachsen und keine Fische mehr im Meer schwimmen aber vieles passiert schon jetzt. Wo sind die Ärzte, die sagen: Liebe Erdenbewohner, so könnt ihr nicht weitermachen, die ganze Erde ist schwer krank. Wo sind die Therapeuten, die sagen: Das und das kann helfen, so dass wir in der nächsten Generation die Bedrohung von Seuchen, Hungersnöte, Stürme und Artensterben wieder los werden. Wir dürfen so nicht weiter machen! Es ist nicht gut, wenn wir kollektiv wegschauen und sagen: so schlimm ist es ja noch nicht.

Wenn wir drohende Gefahren nicht ernst nehmen und wenn wir jetzt nicht handeln, unsere Gewohnheiten nicht ändern, dann werden wir es als Menschheit nicht schaffen auf diesem Planeten zu überleben.

Es ist erstaunlich, wie schnell Menschen das Rauchen aufhören können, wenn Sie verstehen, dass ihr Leben bedroht ist. Oder wie schnell Menschen anfangen Sport zu machen, wenn Sie erkennen, dass es ihnen helfen kann länger und gesünder zu leben. Es ist erstaunlich, wie weit Menschen fliehen, wenn ihr Leben bedroht ist.

Machen wir es so, wie damals die Leute bei Olympia – fangen wir an unsere Überlebensvorteile zu verbessern. Suchen wir nach den besten Lösungen, nach den umweltfreundlichsten Produkten, nach den besten Firmen, den besten Parteien, die kooperativ, innovativ und ökologisch arbeiten. Suchen wir die besten Führungskräfte, die dazu beitragen, dass wir eine gute Zukunft gestalten können.

Auf die Plätze fertig los! Fangen wir an, die beste Menschheit zu werden, die die Welt je gesehen hat. Wachsen wir über uns hinaus und beweisen es allen, dass wir es schaffen, gut zusammen zu leben, so dass wir mit Freude auf diesem Planeten leben können – Menschen, Tiere, Pflanzen. Das ist der moderne Wettkampf, eine moderne Olympiade, bei der wir zurecht Goldmedaillen, Nobelpreise, Trophäen und alles Lob der Welt verdienen.

Das ist eine neue Olympiade, die 2020 beginnen kann und jeder kann teilnehmen, die Bürger, die Hausfrauen, die Jugendlichen, die Firmenchefs, die Ärzte und Krankenschwestern, die Politiker, die Vereine …

Auf die Plätze fertig los, sei dabei!

Ich freu mich über jeden, der etwas zur neuen Olympiade beitragen möchte.

Herzliche Grüße

Gertrud Müller

Photos: Hubert Spieß

Raus aus der Komfortzone

Für mich ist es ein großes Glück, dass ich so nahe am Münchner Olympiapark (55m) wohne. Ich habe den Luxus, dass ich an 365 Tagen im Jahr morgens auf den Olympiaberg steigen und Sonnenaufgänge beobachten kann (mache ich nicht immer, da ich auch öfter meine Komfortzone statt Kälte und Müdigkeit wähle). Und wenn ich Lust habe, kann ich auch abends auf den Olympiaberg steigen und wunderschöne Sonnenuntergänge anschauen.

Vor Jahren, als ich noch nicht regelmäßig Sport machte, waren das meine Trainingseinheiten. Faul und unsportlich war ich noch nie, aber ich konnte mich auch nicht überwinden, regelmäßig und gezielt Sport zu machen. Ich hatte das in meiner Familie nie gelernt. Dann bekam ich meine Kinder und hatte zu wenig Zeit für Sport, danach kam meine berufliche Laufbahn und später glaubte ich zu alt zu sein.

Ich gewöhnte mir vor Jahren an, möglichst oft am Morgen auf den Olympiaberg zu gehen, ich liebe Sonnenaufgänge und das war dann schon ein wenig Morgensport. Voller Bewunderung sah ich die jungen Leute, die den Berg hinaufliefen, nicht nur so gemütlich spazierten wie ich. Langsam reifte in mir der Wunsch, ebenfalls diesen Berg hinaufzulaufen. Ich begann zu laufen, es ging nicht so recht, spätestens nach 400m war ich völlig aus der Puste. Dann traf ich eine ehemalige Patientin, die mir erzählte, sie könne inzwischen 10 km laufen. Volle Bewunderung von mir!  Sie erzählte mir, dass sie beim Lauf 10 teilgenommen hätte, eine Initiative des Bayerischen Rundfunks, in der man Schritt für Schritt das Laufen lernte.

Ich bin kein Herdentier, eher ein Einzelsportler, ich brauche Ruhe und die Konzentration auf mich selbst für den Sport. Ich beschloss, mir ein Lauf Buch zu kaufen und autodidaktisch zu lernen. Und so begann ich nach meinen Spaziergängen auf den Olympiaberg mit dem Training, wie es im Buch beschrieben wurde: 10 Minuten Training: 1 Minute laufen, 1 Minute gehen. Nach ein paar Tagen schaffte ich schon 2 Minuten laufen, 1 Minute gehen, dann 5 Minuten laufen, 1 Minute gehen usw. Ich war überglücklich, als ich nach einiger Zeit schon 20 Minuten laufen konnte ohne dazwischen zu gehen. Vor drei Jahren schaffte ich dann schon 3 km an einem Stück zu laufen. Ich nahm gelegentlich an einer Sportgruppe für Krebspatienten teil und dort erzählte mir eine Frau, sie hätte sich für den Kuhseetriathlon in Augsburg angemeldet.

Wow, einen Triathlon laufen, das war für mich ein unerreichbarer Traum:  500m Schwimmen, 20 km radeln und 5 km laufen. „Das schaffe ich auch“ sagte ich ganz spontan und meldete mich sofort an.

Es war Frühjahr und bis Juli musste ich es schaffen, 5 km zu laufen. Ich trainierte schwimmen, laufen, radeln. Vor allem das Laufen musste ich trainieren, das ist meine schwächste Disziplin. Mein Ziel mit 57 Jahren war nicht eine Platzierung zu machen, sondern dabei zu sein und es zu schaffen. Und ich schaffte es! Ich war überglücklich und hatte sogar den Mut, bei einem Triathlon Trainer nachzufragen, ob es möglich wäre in meinem Alter noch Triathlon zu trainieren. Ich war total überrascht, er machte mir Mut und fand es Klasse, dass ich trainieren wollte und vermittelte mir einen Freund, der noch Trainingsteilnehmer annahm.

Und so bin ich jetzt 60 Jahre alt und trainiere hobbymäßig Triathlon. Es macht mir riesig Spaß und ich habe das Gefühl, meinem Alter ein Stück weit davon zu laufen. Ich überliste meine Trägheit, indem ich oft abends noch schwimmen gehe. Und was mir ganz besonders Spaß macht: überall durch die Gegend zu radeln.

Viele Leute sagen, das Leben würde mit dem Alter schlechter und mit 50 würden die Alltagsbeschwerden losgehen. Ich habe eine ganz andere Erfahrung gemacht. Die Trägheit und das Verharren in der Comfort Zone ist das Problem, so dass wir uns als Menschen nicht weiterentwickeln. Wir glauben, nur Kinder könnten immer etwas Neues lernen und es anders machen. Meine Erfahrung ist jedoch, wir können jeden Tag Neues lernen, jeden Tag nochmal neu beginnen und jung bleiben, bis ins hohe Alter (den Beweis muss ich natürlich erst noch im Selbstversuch erbringen). Was ich jetzt schon bemerke: das Alter bringt auch viele Vorteile, ich kann meine Zeit gut einteilen, ich weiß schon viel Dinge, die sich Jüngere erst noch aneignen müssen und das Alter ermöglich eine gewisse Narrenfreiheit.

Ich muss keine Pokale gewinnen, mich nicht an Kollegen messen, die ein anderes Berufsverständnis haben und der Selbstwert ist nicht mehr so abhängig von dem, was andere denken. Ich habe beschlossen, mich weder von der Trägheit meiner Umgebung lähmen, noch in ein Gedankenkorsett eines Mainstreams einsperren zu lassen. Und ich werde immer meine Wahlmöglichkeiten nützen, auch wenn andere versuchen wollen, mich zu steuern, mich abzuwerten oder lächerlich zu machen.

Ja es stimmt, es ist nicht ganz einfach, aus seiner Comfort Zone herauszuwachsen, herauszukrabbeln und dann immer wieder von dieser Comfort Zone davon zu laufen. Aber es geht! Es ist ein gewisser Luxus, den ich mir leiste, dass ich immer frei entscheiden kann, wann ich ein wenig in der Komfortzone bleibe und wann ich wieder in das Leben außerhalb dieser Komfortzone gehe.

Allerdings muss ich jeden, der die Komfortzone verlassen will darauf hinweisen, dass die Umwelt, die Menschen, die sich in ihrer Komfortzone eingerichtet haben, das anders sehen. Warum machst du das? Du bist doch eigentlich viel zu alt, zu dick usw. Das ist zu gefährlich! Du kannst ein Unfall haben! Schau auf deine Gelenke! Kommst du dir da nicht komisch vor, in deinem Alter allein zu trainieren? Oder sie stellen fest: du bist halt ein verrücktes Huhn.

Auch das gehört dazu, wenn Mann oder Frau außerhalb der Komfortzone leben möchten. Wenn Menschen gern in ihren Komfortzonen bleiben, dürfen sie das. Noch leben wir in einem freien Staat und ich hoffe, dass das auch so bleibt. Ich denke es ist ein Zeichen einer gesunden Gemeinschaft, wenn sich Menschen für unterschiedliche Lebensstile entscheiden können. Möge jeder Mensch auf dieser Erde selbst wählen und entscheiden dürfen, wie viel Komfortzone er braucht und in welcher Weise er darüber hinauswachsen möchte.

In diesem Sinn – herzliche Grüße an alle, innerhalb und außerhalb ihrer Komfortzonen.

Gertrud Müller

Photo. Hubert Spiess